"Die Mutter aller Gestüte"

Lutherstadt Wittenberg, Ortsteil Seegrehna, Hofgestüt Bleesern

Bleesern entstand in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts als Burgward. Mit dem Ausbau Wittenbergs zur sächsischen Herzogsresidenz im 14. Jahrhundert wurde die Burg zum herzoglichen, später kurfürstlichen Vorwerk. 1379 wird Bleesern erstmals als Vorwerk urkundlich erwähnt. Die Nutzung durch die sächsischen Kurfürsten seitdem ist nahezu lückenlos nachweisbar. Als Erzmarschall des Heiligen Römischen Reiches hatte der Kurfürst von Sachsen das symbolische Amt des Reichsheerführers inne, das auch durch die gekreuzten Schwerter im sächsischen Wappen symbolisiert wird. Praktisch äußerte sich dies nicht zuletzt in einer bedeutenden eigenen Pferdezucht, die in Bleesern bereits für die Zeit um 1449/50 archivalisch belegt ist. Nach der sächsischen Landesteilung im Jahr 1485 erwählte Kurfürst Friedrich der Weise im Jahr 1486 Wittenberg zur Residenz. Seit 1487 oder 1488 nutzte er das Vorwerk Bleesern als kurfürstliches Hofgestüt. Unter den erhaltenen Gestütsanlagen in Deutschland ist Bleesern damit eine der ältesten.

Im Ergebnis des Schmalkaldischen Krieges, der ersten großen militärischen Auseinandersetzung der protestantischen und der katholischen Mächte von europäischer Bedeutung, musste sich der unterlegene sächsische Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige nach der Schlacht bei Mühlberg Kaiser Karl V. unterwerfen. Mit der Wittenberger Kapitulation vom 19. Mai 1547 endete die Herrschaft der ernestinischen Wettiner im Kurfürstentum Sachsen. Am 4. Juni 1547 verlieh der Kaiser in Bleesern Herzog Moritz von Sachsen die Anwartschaft auf die sächsische Kurwürde, mit der die bis 1918 währende Herrschaft der albertinischen Linie der Wettiner im Kurfürstentum und späteren Königreich Sachsen begann. Dadurch und durch die nachgewiesenen Aufenthalte aller Herrscher vom späten 15. bis frühen 18. Jahrhundert ist Bleesern ein herausragendes Zeugnis der sächsischen Landesgeschichte.

Die kriegerischen Ereignisse hatten die Gebäude des Vorwerks verwüstet. Kurfürst August von Sachsen ließ 1578, vermutlich unter der Leitung des Baumeisters Hans Irmisch, eine herrschaftliche Gutsanlage mit schlossartigem Herrenhaus, Verwalterhaus, Nebengebäuden und Lustgarten errichten, die ihrerseits im Dreißigjährigen Krieg weitgehend zerstört wurde. Nach Hochwasserschäden 1655 war ein kompletter Neubau erforderlich, den Johann Georg II. 1675 befahl, und der ab 1676 nach Entwurf des sächsischen Oberlandbaumeisters Wolf Caspar von Klengel ausgeführt wurde.

1686 war der Bau vollendet. Bis 1721 wurde die Anlage als kurfürstliches Hofgestüt genutzt, als die Pferdezucht in das durch Matthäus Daniel Pöppelmann, den Baumeister des Dresdner Zwingers, errichtete Gestüt Graditz bei Torgau verlegt wurde.

Das Herrenhaus in Bleesern diente den sächsischen Kurfürsten als zeitweiliges Quartier. So verbrachte 1699 August der Starke hier die Nacht vom Heiligabend zum Weihnachtstag.

Bleesern stellt eines der ältesten fürstlichen Gestüte in Deutschland dar. Die frühbarocken Bauten der ehemals geschlossenen Vierflügelanlage sind das älteste erhaltene Gestütsbauwerk in ganz Deutschland. Bleesern ist eines der wichtigsten Denkmale der historischen Pferdezucht in Deutschland und Europa. Der Baukomplex war schon fast vollendet, als von 1683 bis 1685 nach Entwürfen von Jules Hardouin-Mansart, des Baumeisters des Schlosses Versailles, mit dem Bau eines königlichen Gestüts in Chambord begonnen wurde. Er war bereits ein Jahr in Nutzung, als 1687 nach Plänen des kaiserlichen Baumeisters Bernhard Fischer von Erlach das Gestüt des Fürsten Karl Eusebius von Liechtenstein im mährischen Eisgrub (Lednice) begonnen wurde. Andere bedeutende historische Gestüte besitzen überwiegend Bausubstanz des 18. oder 19. Jahrhunderts (Haras Du Pin, Chantilly, Graditz, Kladruby, Trakehnen, Lipica, Marbach, Neustadt/Dosse, Redefin).

Die Wirtschaftsgebäude des Gestüts Bleesern sind Unikate im nur fragmentarisch überlieferten Œuvre Klengels, eines der kunstgeschichtlich wichtigsten deutschen Architekten des 17. Jahrhunderts. Neben der Kapelle des Schlosses Moritzburg, dem Hausmannsturm des Dresdner Schlosses, der Dreifaltigkeitskirche in Carlsfeld und dem von Johann Georg Starcke errichteten Palais im Großen Garten ist Bleesern das älteste erhaltene Zeugnis der Dresdner Barockbaukunst, „ein Markstein der barocken Architektur des alten Kursachsen“ (Prof. Dr. Heinrich Magirius, Dresden). Es wurde Vorbild für alle folgenden sächsischen Hofgestüte bei Torgau (Repitz, Kreischau, Döhlen), besonders die von Pöppelmann entworfenen Graditz und Neu-Bleesern.

Bleesern ist ein nationales Kulturgut.

Nach 1721 wurde Bleesern bis 1744 als kurfürstliches Maultiergestüt, später als Pferdezuchtstation für die sächsischen Ämter Wittenberg, Pretzsch und Schweinitz, nach 1816 als preußische Domäne genutzt. 1931 kam es zum Verkauf von Flächen an die Berliner Siedlungsgesellschaft „Osten“.

Nach dem 2. Weltkrieg fanden zahlreiche Flüchtlinge in den Gebäuden Unterkunft. Der Gutsbesitz wurde im Rahmen der Bodenreform enteignet und an Neubauern verteilt. Gleichzeitig wurden Teile an der Südwestecke zur Gewinnung von Baumaterial abgebrochen. 1946 entstand in Bleesern ein Maschinenhof der Vereinigung für gegenseitige Bauernhilfe (VdgB), den 1950 die Maschinenausleihstation (MAS) Gohrau übernahm. Über Zwischenschritte der Zwangsverpachtung entstand 1955 die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) Typ III „Auf Friedenswacht“. Nach 1990 kamen die Bauten in Treuhandbesitz und wurden bis zum Jahr 2000 einzeln privatisiert. Seit 1992 steht die gesamte Anlage unter Denkmalschutz.

Während die Gestütsbauten im sächsischen Graditz und Moritzburg (Staatliches Hengstdepot) bis heute genutzt und in gutem Bauzustand sind, ist deren historischer Vorgänger Bleesern durch jahrelangen Leerstand, Vernachlässigung und mutwillige Zerstörung teilweise erheblich beschädigt.

1996

Der Flutkatastrophe im August 2002, als in der Nähe von Seegrehna ein Elbdeich brach, entging das Denkmal, weil die flämischen Kolonisten, die im 12. Jahrhundert die Elbaue südlich von Wittenberg urbar machten, im Deichbau erfahrene, mit dem Leben im Schwemmland vertraute Spezialisten waren und den Burgward Bleesern auf erhöhtem Gelände anlegten. Auch dem Orkan „Kyrill“ im Januar 2007 hielten die massiven Gebäude stand.

Bleesern überstand Kriege, Naturgewalten und die bauliche Vernachlässigung der DDR-Zeit. Wirkliche Gefahr drohte den Gestütsbauten erst durch eine Abbruchgenehmigung, die dem Eigentümer des Ost- und des Südflügels die Zerstörung des einzigartigen Monuments erlaubt hätte. 2010 gründete sich der Förderverein Hofgestüt Bleesern e. V. 2012 konnte er die abrissgefährdeten Gebäude erwerben und im Jahr 2014 mit der Sicherung der Bausubstanz beginnen.

Hier finden Sie uns

Am Anger 11

06888 Lutherstadt Wittenberg

OT Seegrehna

Rufen Sie einfach an unter

+49 34928 609950+49 34928 609950

 

oder nutzen Sie unser Kontaktformular.